Deprivation und die Folgen

„Angsthund“

Im Folgenden werde ich die mit der Deprivation verbundenen Problematik erläutern, wie sie sich äußert und ob sie heilbar ist.

Das Wort „Deprivation“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Mangel oder Entzug. Geht es im Zusammenhang mit Hunden um Deprivation, dann stehen Verhaltensprobleme im Mittelpunkt des Interesses. Hundeprofis, wie Trainer beispielsweise, sprechen vom Deprivationsschaden oder Kaspar-Hauser-Syndrom, alltagssprachlich ist vom „Angsthund“ die Rede.

Die Problematik ist nicht neu, doch durch die starke Zunahme von Hunden insbesondere aus dem Auslandstierschutz rückt sie immer stärker in den Alltag von Hundehaltern. Die Bezeichnung „Angsthund“ ist zu einem geflügelten Wort geworden und es ranken sich viele Fragen um diese Problematik, ob es  heilbar ist und, nicht zuletzt, wie es richtig heißt.

Was ist ein Deprivationsschaden?

Ein Deprivationsschaden ist die Folge von sozialer Deprivation und / oder sensorischer Deprivation, also einem Mangel an sozialen Kontakten und Umweltreizen. Die Vielfalt der Schädigungen ist groß und abhängig von der Dauer des erlittenen Mangels, dem Alter in dem der Mangel erlebt wurde, der Intensität des Mangels.

Beispiele von durch Deprivation betroffenen Hunde

Ein Extrembeispiel eines durch Deprivation geschädigten Hundes ist ein Hund, der allein und von der Umwelt abgeschottet in einem Zwinger oder Keller gehalten wird. Die häufig beobachteten Folgeschäden sind neben Angst vor Unbekanntem, Probleme mit dem Sozialverhalten allgemein bis hin zu Aggressivität gegen Artgenossen und Menschen. Berichte von betroffenen Schäferhunden sind mir schon oft zu Ohren gekommen.

Dann gibt es den Hund vom platten Land, vielleicht ein Bauernhofhund, durchaus mit Familienanschluß und entspannt in seiner vertrauten Umgebung. Er ist glücklich und zufrieden, hat aber nie was anderes kennengelernt. Nimmt man den spontan mit auf einen Ausflug in die Großstadt, dann könnte es sein, dass er ziemlich hysterisch auf die von ihm als solches wahrgenommene Reizüberflutung der Großstadt reagiert.  Müsste er fortan in der Großstadt leben bestünde das Risiko, dass er dauerhaft ängstlich / unsicher bliebe. Es könnte aber auch sein, dass er die Anpassung schafft. Das kommt immer auch auf das Individuum, die Rasse und auf die sonstigen Rahmenbedingungen an, wie beispielsweise die Qualität der Beziehung zu seiner Bezugsperson. Umgekehrt könnte ein glücklicher Großstadthund in Depressionen verfallen, würde er in die ländliche Einöde verpflanzt, weil ihm die vielen gewohnten Sinneseindrücke fehlen.

Gar nicht so wenige, der in Deutschland gehaltenen und auch dort aufgewachsenen Hunde haben Deprivationsschäden in Folge von sozialer Deprivation. Das passiert dann, wenn Welpen in eine Familie kommen und nicht für (ausreichend) Kontakt mit Artgenossen gesorgt wird. Unsicherheit im Umgang mit anderen Hunden sind die häufige Folge. Leinenaggression kann damit in Verbindung stehen, jedenfalls macht es den Alltag mit Hund nicht unbedingt einfacher.

Bei den aus dem Ausland stammenden Hunden findet man natürlich auch die gesamte Palette ungünstiger Haltungsbedingungen. Empfängnisverhütung bei Hunden ist noch nicht selbstverständlich, das Bewußtsein für hundliche Bedürfnisse und auch das Verantwortungsbewußtsein unterscheidet sich von den Gepflogenheiten in beispielsweise Deutschland. Das ist der Ausgangspunkt für die vielerorts existierende Straßenhundproblematik. Viele Hunde landen darum im Shelter und müssen ewig dort ausharren, mit ungenügendem menschlichen Kontakt und abgeschottet von der Umwelt. Das macht natürlich etwas mit den Hunden, auch erwachsene Tiere entwickeln Deprivationsschäden.

Viele Welpen sitzen während der für die Verhaltensentwicklung sehr bedeutsamen Sozialisationsphase zum Teil bis ins Erwachsenenalter hinein im von der Umwelt abgeschotteten Shelter, mit vielen anderen Hunden, aber einem Mangel an Sozialkontakten mit Menschen. Mit oftmals verheerenden Folgen für die Verhaltensentwicklung und somit für das ganze restliche Leben. Will heißen, dass die Deprivationsschäden bei manchen Hunden ein  extremes Ausmaß annehmen können und sie unvermittelbar werden. Ein schlimmes Schicksal, das nicht wenige im Shelter gelandete Welpen ereilt. Die Chance auf ein normales Hundeleben bleibt ihnen zeitlebens verwehrt. Sie sterben im Shelter.

Und dann gibt es noch die Welpen, die aus gesundheitlichen Gründen ihre frühe und so bedeutsame Entwicklungsphase in der Quarantäne, mitunter in einem kleinen Käfig, ohne ausreichend soziale Kontakte, weder zu Menschen, noch zu Artgenossen und abgeschottet von der Umwelt zubringen müssen, bevor sie ausreisen dürfen oder vermittelt werden können.

Deprivation einordnen

Man sieht, Deprivationsschäden sind ein weites Feld, man hätte noch andere Beispiele anführen können, aber was ist das nun genau?  Verschwindet das Problem, wenn man es schafft das Zutrauen des Hundes zu gewinnen? Ist es eine Krankheit? Wenn ja, ist sie heilbar?

Fragen, die insbesondere dann von Bedeutung sind, wenn man beabsichtigt einen Auslandshund aufzunehmen. So verwundert es nicht, dass, wenn man googelt, man auf massenhaft Veröffentlichungen von Tierschützern trifft. Wissenschaftliche Veröffentlichungen behandeln vornehmlich menschliche Fälle von Deprivationsschäden.

Deprivation, fachlich korrekt eingeordnet

Ich wollte es etwas genauer wissen und habe mir die Fachliteratur vorgeknöpft. Da kommt auf jeden Fall die Verhaltensmedizin für Hunde* in Frage.

Viele Verhaltensprobleme deren Ursache ein Deprivationsschaden sein kann, wie beispielsweise Aggressionen gegen Menschen und / oder Artgenossen, Stereotypien, Phobien, Angststörungen, Hyperaktivität, Depressionen sind als eigenständige Verhaltensprobleme aufgeführt, da ihnen auch andere Ursachen zugrunde liegen können, nicht nur Deprivation bzw. der Mangel an Erfahrungsreizen.

Als eigenständiges Krankheitsbild gibt es hingegen das Deprivationssyndrom (Syndrom = charakteristisches Krankheitsbild).

Das Deprivationssyndrom ist demnach eine entwicklungsbedingte Verhaltensstörung. Sie nimmt ihren Anfang in einem Alter von unter vier Monaten und entsteht, wenn Welpen ihre Sozialisationsphase unter Bedingungen von Reizmangel durchleben.

Durch den Mangel an sozialen und/ oder sensorischen Reizen bekommt das Gehirn nicht die Stimmulation, die es benötigt, um sich normal entwickeln zu können. Das Gehirn ist im Falle eines Deprivationssyndroms klein und unterentwickelt.

Charakteristisch für die Verhaltensstörung ist, dass die betroffenen Hunde andauernde und starke Angst zeigen, wenn sie mit einer Umgebung konfrontiert werden, die eine stärkere Reizbelastung aufweist, als die Umgebung, in der sie aufwuchsen bzw. bei allem, was ihnen fremd ist.

Nicht jeder Welpe entwickelt diese Verhaltensstörung, zumindest nicht im gleichen Maße. Eventuell gibt es eine genetische Disposition.

Heilung, insbesondere bei leichteren Fällen, ist möglich. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass die Problematik bestehen bleibt oder sie sich sogar verschlimmert und der Hund in die Aggressivität abdriftet.

Das „Gebiet“ ist noch nicht sehr gut erforscht.

Kaspar-Hauser-Syndrom und Hospitalismus

Die Bezeichnungen Kaspar-Hauser-Syndrom und Hospitalismus habe ich in der medizinischen Fachliteratur für Hunde nicht finden können. Letztlich sind es Varianten des Deprivationssyndroms.

Heilungschancen, Prognosen

Aber um auf die Heilungschancen zurückzukommen, da bin ich optimistisch, denn ich kann auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Begonnen habe ich meine tierschützerischen Aktivitäten ja mit verwilderten Hauskatzen. Da konnte ich schon sehr interessante Erfahrungen sammeln. Aber ich bin alt genug und habe bereits betroffene Hunde durch ihr ganzes Leben begleitet. Und ich habe schwer betroffene Junghunde aus dem Shelter ein kleines Stück ihres Lebens begleitet und ich muss sagen, da geht einiges! Natürlich reicht „das Vertrauen erwerben“ nicht aus, man muss sich schon etwas intensiver eingeben, aber wenn man das tut, dann ist es echt erstaunlich, was für Entwicklungen diese Tiere hinlegen.

Okay, man könnte es auch als Dummheit bezeichnen, aber als ich mit meinen ersten scheuen Tieren oder auch Angsthunden startete, meinte ich es definitiv besser zu wissen als die Wissenschaft. Ich glaubte an die Lernfähigkeit, auch von Tieren. Mehr als die Wissenschaft damals. Naja, als ich jung war, da bekamen Leute ab – hau mich nicht tot – vierzig Jahren!? keine Fortbildung mehr, weil man an ihrer Lernfähigkeit zweifelte. Heute ist das lebenslange Lernen fast schon Leitkultur.

Was ich allerdings schon etwas problematisch finde, ist, dass mir bei den ganzen Vermittlungsaktivitäten von Tierschutzhunden ein wenig zu sehr aus dem Blickfeld gerät, dass es halt eben doch Tierschutzhunde sind, die meistens suboptimale Voraussetzungen mitbringen. Der Deprivationsschaden, im Kleinen wie im Großen, spielt mit Sicherheit bei einer großen Anzahl, der aus dem (Auslands-)Tierschutz stammenden Hunde eine Rolle, was allerdings kaum Berücksichtigung findet.

Ich möchte da mal auf die oben genannten Heilungsprognosen verweisen: Kann besser werden, stagnieren oder zu aggressiven Verhalten führen …. und dann hört man die Geschichten: „Anfangs war er lieb, aber nun ist er aggressiv …… muss wohl ein Herdenschutzhund mit drinnen sein.“

Auch wenn ich überzeugt davon bin, dass die Genetik eine Rolle spielt, so ist diese Schlußfolgerung lediglich die naheliegendste Antwort für Jemanden, der sich nicht wirklich gut auskennt. Umso erschreckender ist, dass diese Argumenation häufig Akzeptanz findet. Leider ruiniert das nicht nur den Ruf einer wunderbaren Hunderasse, sondern geht auch knallhart am Problem und damit auch an sinnvollen Lösungsmodellen vorbei.

Deshalb, liebe Leute, Deprivation und die Folgen, das ist ein wirklich wichtiges Thema! Denkt mit, versachlicht die Suche nach eurem besten Freund des Menschen und neuen Familienmitglied!!!!

*Literatur: „Verhaltensmedizin beim Hund“, Sabine Schroll, Joel Dehasse, Enke Verlag 2016, 2. überarbeitete Auflage, Seite 271 / 272

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