Konditionierung in der Hundeerziehung – Wahrheit und Wunschgedanke

Als Hundehalter wird man recht häufig mit dem Begriff der Konditionierung konfrontiert. Auf Nachfrage bekommt man vom Hundeprofi dann in der Regel zu hören, dass es sich dabei um Lernen handelt. Weil bei der Antwort nicht selten etwas wie Rechtfertigung mitschwingt, wurde ich neugierig und ich begann mich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dabei kam heraus, dass der Begriff auf mindestens zweierlei Art verwendet wird:

  • Einerseits werden grundlegende, verhaltenssteuernde und im Gehirn angelegte  Lernprinzipien als Konditionierung bezeichnet.
  • Und auf der anderer Seite bezeicnet man eine systematische Verhaltensformung, die auf eben diesen Lernprinzipien beruht und  auch als Dressur bekannt ist,  als Konditionierung.

Auswendig lernen und trockenes Anhäufen von Wissen wird heutzutage immer öfter abfällig als Dressurlernen bezeichnet. Im Gegensatz zu früher, als das Abspulen von auswendig gelerntem Wissen als Ausdruck von Schlauheit und Wissen angesehen wurde, rückt Erfahrungswissen als wahres Wissen, zunehmend in den Fokus. Ein weites Thema, dass sogar die moderne Philosophie in Bedrängnis bringt.

Für all jene, die das Thema genauso spannend finden wie ich, folgt nun ein vertiefender Artikel, den ich schon vor etwas längerer Zeit geschrieben habe:

 

Jemanden als dressierten Affen zu bezeichnen ist kein Kompliment. Das weiß jeder. Und woran liegt`s? Weil das Ziel von Dressur die Kontrolle über das Individuum ist. Freiheitsverlust und Fremdbestimmung ist die Folge der Behandlung für den, der dieser Prozedur unterzogen wurde.

Ein Meilenstein für die Verhaltensforschung

In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts brachte die Wissenschaft bahnbrechende Erkenntnisse über Verhalten hervor. Da man sich allein auf beobachtbares Verhalten konzentrierte, nannte man diese psychologische Forschungsrichtung Behaviorismus. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Verhaltenssteuerung. Es wurden schließlich zwei Arten der Verhaltensformung entdeckt. Diese Erkenntnisse wurden am Tiermodell gewonnen, eines davon eher zufällig, denn Pawlow, ein russischer Wissenschaftler und Mediziner, erforschte eigentlich das Verdauungssystem am Hund. Damals lehnten die Wissenschaftler es ab, den beobachteten Vorgang als lernen zu bezeichnen, dies sei nicht wissenschaftlich, weil nicht beobachtbar. Mittlerweile wird Konditionierung als Lernen erklärt, allerdings als unbewußtes Verhaltenslernen oder als Lernprinzip, das anderen, komplexeren Lernformen zugrunde liegt. Lernen wird als ein Vorgang definiert, der eine nachhaltige Verhaltensänderung bewirkt. Der Behaviorismus betrachtet den Mensch als Produkt der Umwelt, man ging lange Zeit davon aus, dass nahezu alles menschliche Verhalten durch Umwelterfahrungen geformt wird. Glücklicherweise ist das Vergangenheit. Nun die beiden Arten der Verhaltensformung:

  1. Die klassische Konditionierung, entdeckt von Pawlow. Hier geht es um assoziatives Lernen, der Fähigkeit vom Einen auf das Andere schließen zu können. Ein bestimmter Reiz hat oder erhält mit der Zeit eine Signalwirkung. Eine Erwartungshaltung entsteht und ruft eine entsprechenden Reaktion hervor. Beispiele: Leckerer Essensduft in der Luft löst bereits den Speichelfluss aus. Der Griff zur Hundeleine signalisiert dem Hund, dass es nun raus geht. Respekt vor der heißen Herdplatte, nachdem man sich verbrannt hat. Dingen oder Situationen eine Auswirkung auf das persönliche Wohlbefinden zuordnen zu können, schützt vor negativen Folgen oder kann zum persönlichen Vorteil genutzt werden.
  2. Thorndike und Skinner, amerikanische Psychologen, kamen der operanten Konditionierung auf die Spur. Wobei Thorndike eher Vorreiter war. Skinner setzte dessen Arbeit fort und entwickelte sich zum Hardliner. Operante Konditionierung beschreibt eine Form der Verhaltensbeeinflussung, die im Zusammenhang mit zielgerichtetem Verhalten stattfindet. Erweist sich die angewandte Herangehensweise als erfolgreich, dann wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit wiederholt. Eine Herangehensweise, die nicht zielführend ist, wird zukünftig eher vemieden. Wirksame Effekte, positive wie negative, werden als Verstärker bezeichnet. Sie sind die Ursache für das wiederholte Zeigen bzw. das Vermeiden eines bestimmten Verhaltens. Man spricht im Zusammenhang mit der operanten Konditionierung auch vom Lernen nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum oder vom Lernen am Erfolg.

Eine Entdeckung mit praktischem Nutzen

Skinner trieb die Forschung voran. Auf Basis der genannten Lernprinzipien entwickelte er eine Technik, mit der man tierisches Verhalten nach menschlichen Vorstellungen formen kann und dressierte Tauben für den Kriegsdienst. Hierfür entwickelte er ausgeklügelte Verstärkerpläne. Die Dressur konnte von nun an mit Methode betrieben werden, denn mehr als jede andere Erziehungsmaßnahme bedient die Konditionierung den Anspruch von Dressur.

  • Konditionierung gehört zum natürlichen Lernverhalten. Die gezielte Anwendung  dieses Lernmechanismus, um ein bestimmtes Verhalten zu formen, ist Dressur.

Beispiele aus der Praxis

Vier Beispiele für die gezielte Konditionierung von Verhalten bei Tieren:

  1. Man motiviert einen Hund auf Zuruf zu kommen und belohnt ihn hierfür, beispielsweise mit Wurst. In diesem Fall wurde mit positiver Verstärkung gearbeitet. Das Ziel ist aus dem freiwilligen Kommen einen Reflex zu machen. Dies wird durch unzählige Wiederholungen erreicht.
  2. Auch in Tierversuchslaboren wird mit Konditionierung gearbeitet. Ich erinnere da einen Streit bezüglich von Experimenten mit Affen. Tierschützer agumentierten, dass man die Affen dursten lassen würde. Der Wissenschaftler behauptete hingegen, dass er ganz im Gegenteil, die Affen sogar mit Trinken belohnen würde. Und wirklich, wahrscheinlich hatten beide recht. Nach meiner Einschätzung ging es darum, die Tiere zur „Kooperation“ zu erziehen, denn man möchte sie ja für einen bestimmten Zweck benutzen. Um sie hierfür zu konditionieren verwendete man einen Verstärker, der sich negative Belohnung nennt. Zuerst muss ein für das Tier unangenehmer Zustand herbeigeführt werden, beispielsweise durch den Entzug von lebenswichtigem Wasser. Durst stellt sich ein. Erst, wenn das Tier nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum auf den Trichter gekommen ist, welches Verhalten von ihm erwartet wird, dann bekommt es zur Belohnung etwas zu trinken. Das perfide daran ist, dass je länger ein Tier für diesen „Lernvorgang“ benötigt, desto größer wird sein Durst. Man kann sich vorstellen welchen Stress und Qualen die auf diese Weise gefügig gemachten Tiere durchleben müssen.
  3. Anschließend noch ein Beispiel aus der Landwirtschaft. In netten Betrieben bekommen die Kühe während des Melkvorgangs ein besonders schmackhaftes und allein für diese Situation reserviertes Futter. Im Ergebnis verknüpfen (assoziieren) die Kühe Ort und Vorgang positiv. Man macht ihnen quasi beides schmackhaft.
  4. Positive Strafe bedeutet dem Tier unangenehme Dinge, wie Schmerzen zuzufügen oder ihm einen gehörigen Schrecken einzujagen, um Meideverhalten zu erzeugen. Angst ist das zugrundeliegende Motiv. Beispielsweise bei der Ausbildung zum Apportieren (sofern mit negativer Verstärkung gearbeitet wird): Damit der Hund lernt das Bringsel nicht zu fest zu packen oder gar darauf herumkauen, wird es für das Training präpariert. Man spickt es mit Gegenständen, die ihm Verletzungen zufügen, wenn er den Kiefer zusammendrückt. Um eine Wiederholung des schmerzhaften Erlebnisses zu vermeiden, wird er zukünftig nicht mehr darauf herumkauen.

Signalkontrolle

Ein Hund steht dann unter Signalkontrolle, wenn er das erwünschte Verhalten trotz intensiver Umweltreize und in jeder Umgebung zuverlässig zeigt.

Wer genau hinschaut erkennt den gelben Eimer unter meinem Mantel. Daraus bekam der Hund während des allgemeinen Trainings seine Belohnungshappen. Beim Öffnen des Eimers ließ sich ein spezifisches Geräusch vernehmen. Nach einer Weile reichte es aus dieses Geräusch zu erzeugen, um die Aufmerksamkeit des Hundes auf mich lenken zu können. Eine Kontaktaufnahme, die wiederum belohnt wurde. Ein Nebeneffekt des allgemeinen Trainings war also, dass der Hund  gelernt hat, das Eimergeräusch mit dem bevorstehenden Erhalt eines Leckerbissens zu verknüpfen (klassische Konditionierung) hat und sich damit in seinem Verhalten beeinflussen ließ.

Das konditionierte Signal überlagert alle anderen Verhaltensimpulse:

  • Wie die Fäden bei einer Marionette erzwingt der auslösende Reiz bzw. das Kommando das Zeigen des vom Ausbilder erwünschten Verhaltens.

Konditionierung als Methode, ein Glücksfall für Hundetrainer

Es gab Zeiten, da war die Ausbildung von Hunden mit unvorstellbarer Brutalität verbunden. Hohe Verlustraten und geringe Erfolgsquoten waren das Ergebnis, denn viele Hunde überlebten die Ausbildungsmethoden nicht oder wurden gar aus Wut vom erfolglosen Dressiermeister massakriert. Der willkürliche Einsatz von Gewalt brachte außerdem ungünstige psychologische Effekte mit sich. Ängste usw. können den Nutzen des in dieser Weise ausgebildeten Tieres überlagern.

Die unter Umgehung des Bewußtseins vollzogene Manipulation des Verhaltens hingegen ermöglicht eine weitaus größere Kontrolle und Zuverlässigkeit bei der Ausbildung und darüber hinaus.

Insofern stellte die Methode des Konditionierens einen Fortschritt bei der Ausbildung von Hunden dar. Insbesondere dann, wenn der Ausbilder auf körperliche Strafen, also negative Verstärker verzichtet. Leider sieht die Realität so aus, dass erst heutzutage zunehmend auf Gewalt beim Hundetraining verzichtet wird, denn Konditionierung bedeutet nicht zwingend Verzicht auf Gewalt. Der Ausbilder bzw. Trainer entscheidet über die Wahl der Mittel.

Heutiges Hundetraining basiert methodisch auf der Ausbildung von Polizei- bzw. Militärhunden. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts begann man die Trainingsmethoden von Diensthunden auch auf Begleithunde zu übertragen. Damals arbeitete man vor allem mit negativer Verstärkung bzw. positiver Strafe. Aus Angst vor unangenehmen Konsequenzen zeigt der Hund das erwünschte Verhalten. Lange herrschte die Vorstellung vor, dass Hundeausbildung ohne Druck nicht funktionieren könne, da der Hund ein nach Dominanz strebendes Tier sei. Eine Tradition, die unter „Hundefreunden“ bis heute Fürsprecher findet. In der breiten Bevölkerung trifft man allerdings kaum mehr auf Akzeptanz für Gewalt in der Hundeerziehung und Konditionierung findet immer häufiger über positive Verstärkung statt.

Die Wissenschaft schreitet voran

Der aktuelle Forschungsstand erlaubt es die Praxis des Konditionierens grundsätzlich in Frage zu stellen. Es zeichnet sich allmählich ein Trend ab, die Erziehung von Hunden aus der Tradition zu lösen und sie auf ein wissensbasiertes Fundament zu stellen.

Teamwork sieht anders aus

Konditionierung als Methode hat mit dem eigentlichen Grundverständnis von Teamwork, Kommunikation und „echtem“ Lernen defintiv nichts gemein. Eine Wahrheit, der sich viele Hundetrainer nicht stellen wollen. Vielleicht wissen sie es ja wirklich nicht. Bis vor kurzem konnte sich schließlich jedermann als Hundetrainer bezeichnen, egal welchen Background er hat. Klickern, Shaping, das Konditionieren von Signalen, das sind alles Dressurtechniken.

 

 

 

 

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