Mein Problemhund, der eigentlich keiner war

Ich habe hin und her überlegt, ob das schlau ist, als Hundeprofi von eigenen Fehlern zu schreiben und mich schließlich dafür entschieden es zu tun. Auch, um all jenen Hundehaltern Mut zu machen, die gerade ihren Kampf haben. Meine Geschichte ist exemplarisch für viele unrunde Adoptionsverläufe und sie zeigt, dass man den Umgang mit einem Hund lernen kann. Niemand wird als Hundeflüsterer geboren. Es gibt einfach Hunde an denen man wächst. Ob das der erste Hund oder der zweite oder fünfte ist, das ist Zufall. Bei mir war es der zweite eigene Hund, der mich für viele andere Hunde fit gemacht hat. Um ihn geht es in folgendem Erfahrungsbericht:

Ein dominantes Hundemädchen namens Tina

Ziemlich unbedarft in Sachen Hund adoptierte ich eine Hündin aus dem Tierheim. Ich dachte mir nichts dabei, als ich sie vom Tierheimgelände zerren musste. Obwohl erst vier Monate alt, war sie bereits einige Male aus unglücklicher Vermittlung wieder dorthin zurückgekehrt. Sie wurde als sehr dominant beschrieben, was mir damals allerdings wenig sagte.

Vom Tierheim ging es dann  direkt zur Grundschule.  Der Plan war, meinen Kindern eine freudige Überraschung zu bereiten und sie gemeinsam mit dem neuen Famiienmitglied abzuholen. Das lief aber ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Als sich die Pforten der Schule öffneten und die Kinder heraus strömten, da begann sich der Hund an meiner Leine zu gebärden wie eine Bestie. Vielen  stand die Angst im Gesicht geschrieben. Alle machten einen großen Bogen um uns, kämpften sich teilweise durch die Büsche. Selbst geschockt und auch ein wenig peinlich berührt sammelte ich meine Kinder ein. Der Hund hatte sich zwischenzeitlich beruhigt und so gingen wir gemeinsam nach Hause, – ohne weitere unangenehme Vorfälle.

Doch die Phase der Entspannung sollte nur kurz dauern.  Die Aussicht auf einen gemeinsamen Spaziergang löste nicht etwa Freude bei Tina aus, sondern Stress und Durchfall, der mühselig aus den Ritzen unseres Dielenbodens gekratzt werden musste. Und alleine bleiben wollte sie auch nicht, keine Minute. Sobald man außer Sichtweite war, ging sie förmlich die Wände hoch. Eigentlich sollte sie im Wohnzimmer schlafen. So, wie die alte Hündin, die wir vor ihr hatten und die leider schon drei Monate nach ihrem Einzug starb. Also übernachtete mein Mann gemeinsam mit unserem Neuzugang im Wohnzimmer.

Das waren eine ganze Menge unerwarteter Verhaltensweisen, die dieser junge Hund da an den Tag gelegt hatte. Ich war einfach nicht in der Lage sie richtig einzuordnen. Das führte  zu einer spontanen Neubewertung des Umstands einen sogenannten Kampfhund bzw. Mischling einer solchen Rasse adoptiert zu haben. Dabei war es doch genau das, was ich wollte und zu können glaubte: Einen Kampfhund retten. Doch nun war ich mir da nicht mehr so sicher.

Ich entschied die Hündin zurück zu bringen. Es war bereits der dritte Versuch einen Hund aufzunehmen. Die erste Hündin starb nach gerade mal drei Monaten an Krebs. Die liebe Bessie. Sie war bereits zwölf und so glücklich noch mal eine Familie gefunden zu haben. Ihr Frauchen war verstorben, so kam sie ins Tierheim. Dem nächsten Kandidaten, einem Schäferhundmischling, mussten wir unsere Katze aus dem Hals ziehen. Da wir uns nicht zutrauten ihm das abgewöhnen zu können, mussten wir Gaston wieder abgeben. Mit dem Wissen, dass außer uns nie einer nach ihm gefragt hat, was schwer auf mir lastete. Und nun das.

Aber ich hatte die Rechnung ohne den Direktor des Tierheims gemacht. Er dachte gar nicht daran Tina zurück zu nehmen und als ich wieder nach Hause kam, da hatte ich außer der Hündin noch eine Adresse im Gepäck, die des örtlichen Hundesportvereins. Dort sollte ich an einem Erziehungskurs teilnehmen.

Alltagsprobleme nebst Erziehungskurs und Hundewiese

Doch zuerst gings auf die Hundewiese. Dort wurden mein Hund und ich freudig empfangen. Die erste Empfehlung lautete, meinen Hund von der Leine zu lassen. Das tat ich denn auch und siehe da, sie haute nicht ab. In der Annahme damit einen sinnvollen Erziehungsbeitrag zu leisten, verbrachten wir täglich Stunden  auf dieser Wiese. Sie hatte ohne Ende Sozialkontakte und Spielmöglichkeiten. Die Hunde pflügten über die Wiese, dass die Grasbüschel nur so flogen.  Mehr körperliche Auslastung ging eigentlich nicht und uns machte es natürlich auch Spaß. Wir lernten Leute kennen, mit denen es sich prächtig unterhalten ließ. So gut, dass unser Hund schon mal entschied vor uns nach Hause zu gehen.

Im Hundeverein lief es auch super. Das bisschen Training machte sie mit links nebenbei, sie war Gruppenprimus. Das schönste waren natürlich die Pausen, da durften die Hunde spielen. Ein bisschen wunderte ich mich darüber, dass die Trainerin meine Hündin mitunter anbrüllte. Sie spielte doch nur, aber das fand außerhalb meiner Reichweite statt und da Tina ziemlich unbeeindruckt wirkte, dachte ich nicht weiter darüber nach.

Solange wir mit anderen Hunden unterwegs oder im Hundeverein waren, schien die Welt in Ordnung zu sein. Im Alltagsleben war unsere Hündin Tina aber immer wieder für Überraschungen gut.

Hin und wieder hatten wir Kinderbesuch. Eigentlich ein hübsches Bild, junger Hund und Kind. Nur, dass unser Hund sich immer dazwischen gesetzt hat. Wenn die Kinder sich beim Spielen nahe kamen und sei es nur beim Überreichen eines Spielzeugs, dann legte sie sofort die Pfote obenauf und trennte die Kinderhände. Dabei schaute sie mich mit großen Augen an. Weil ich es nicht schaffte sie davon abzuhalten, kettete ich sie irgendwann an die Heizung.

Einmal beobachtete sie, dass mein Sohn von einem Nachbarsjungen gehauen wurde. Ich musste sie festhalten. Aber sie merkte sich diesen Jungen. Wenn ich sie in Sichtweite ablegte, dann blieb sie zwar liegen, begann aber heftig zu zittern und stieß die schrillsten Töne aus. Wenn er kam, sperrte ich sie fortan ins Schlafzimmer. Dort schlief sie auch nachts.

Pilzsammler fand sie furchtbar gruselig und Spaziergänger ohne Hunde waren ihr auch nicht geheuer. Muss ich es erwähnen? Natürlich machte sie auch bei bei Hundebegegnungen den Max.

Es kam der Zeitpunkt, da freuten sich nicht mehr alle, wenn wir auf die Hundewiese kamen. Im Unterschied zum Anfang wurde von manchen nun ihre Rassezugehörigkeit thematisiert. Einige mieden uns, andere gingen sogar so weit und beleidigten mich, wenn ich sie beim Einkaufen traf. Tina war ein Charmebolzen, aber ein ziemlich schwarzer und kräftiger und sie hielt sich offensichtlich für die Chefin der Hundewiese.  Verglichen mit einer Kindergruppe wäre sie das angesagteste Kind gewesen, mit dem alle befreundet sein wollen.  Das aber auch bestimmte, wer mitspielen darf und wer nicht. Dabei schien sie nicht besonders zwischen Mensch und Hund zu unterscheiden.

Eine Besonderheit fiel mir in diesem Zusammenhang doch auf, nämlich dass sie immer zuerst den Menschen und dann den zugehörigen Hund begrüßt hat. Dieser wurde ignoriert und im Zweifel auf die Plätze verwiesen. Die so begrüßten Menschen kamen unweigerlich in einen Zwiespalt. Dennoch konnten die meisten nicht widerstehen, die freudige Begrüßung zu erwidern. Wenn Tina jemanden mochte, dann zeigte sie große Freude, warf sich zu seinen Füßen auf den Rücken und ließ sich streicheln. Lange Zeit bepinkelte sie sich dabei auch. Mochte sie jemanden nicht, dann blockte sie Annäherungsversuche mit einem Knurrer ab.

Sie hatte die Tendenz nicht auszuweichen. Sie lief auf der Straße, als würde sie ihr gehören. Erstaunlicherweise weichen die meisten Menschen automatisch aus.Tinas bester Freund in Jugendtagen war ein Berner Sennen Rüde. Sein Frauchen wurde ständig von Fremden gefragt, ob sie ihn mal streicheln dürften. Das passierte uns nie. Dennoch hatte Tina eine riesige Fangemeinde. Eine besondere Vorliebe hegte sie jedoch für Rottweiler (und ihre Besitzer). Bei aller Liebe, in ihrem Korb schlief sie aber ausschließlich allein. Mit einem aussagekräftigen Knurrer wurden Kuschelwünsche grundsätzlich abgeschmettert. Leider verhielt sie sich auch so, wenn sie zuerst auf dem Sofa lag und ein Kind sich dazu setzen wollte.

Jagen, Mülleimer plündern und Menschenkot

Tina war nicht nur sehr spielfreudig, sie jagte auch gerne. Hin und wieder verabschiedete sie sich spontan und verschwand im Wald oder flitzte übers Feld, um einer Spur zu folgen. Auch die Wegränder hatte sie im Blick. Ein aufgestöbertes Kaninchenbaby musste sein Leben lassen, genau wie ein kleiner Iltis. Seltsamerweise schien er nicht scheu zu sein und näherte sich uns. Möglicherweise war das ausgesprochen goldige Tierchen aus einer ansässigen Pelztierfarm entwichen. Eigentlich dachte ich es abgeschüttelt zu haben und ließ wieder mehr Spielraum in der Leine. Leider aber war es uns gefolgt und so schnappte sich Tina den Iltis und schüttelte ihn tot. Das ging enorm schnell, dennoch war es sehr traurig und das Kaninchenbaby hat vor Angst kurz geschrien. Leider war ich zu weit weg, um in der Kürze des Moments eingreifen zu können.

Zuhause war nichts Essbares vor ihr sicher. Einmal hat sie ein ganzes Bauernbrot verschlungen. Erst fragte ich mich, ob ich es vieleicht im Laden vergessen habe, dann fiel mir auf, dass mein Hund einen ziemlich dicken Bauch hatte und es ihm gar nicht gut zu gehen schien. Furchtbare Blähungen begleiteten den tagelang währenden Verdauungsprozess. Auch ein als Überraschung geplantes, romantisches Abendessen vernichtete sie in einem unbeobachteten Moment. Das hat sie kurzzeitig echt Symphatien gekostet.

Das Schlimmste aber war, sie beim Fressen von Menschenkot zu erwischen. Das zu riechen, als ich sie wegzog, das war so eklig. Kurzzeitig dachte ich den Hund nie mehr nah an mich heran lassen zu können. Im Vergleich dazu nahm ich das immer mal wieder vorkommende Plündern des Mülleimers in unserer Abwesenheit und die damit verbundene Aufräumaktion direkt sportlich.

Ein Schlüsselerlebnis

Es gab da ein Schlüsselerlebnis, bei dem mir klar wurde, dass ich endlich eine vernünftige Hundeschule finden oder mich von dem Hund trennen muss. (Zwischenzeitlich hatten wir die Bekanntschaft mit unzähligen Trainern gemacht. Tipps, wie auf den Rücken schmeissen, mit strenger Stimme sprechen usw. befolgt. Doch letztlich hat alles nichts gebracht.)

Eine befreundete Mutter und ihr Kind besuchten uns. Das Kind war ein wenig wild und wälzte sich in Tinas Korb herum, warf mit dem Kissen, rannte bellend umher und reagierte nicht auf Ermahnungen ihrer Mutter. Natürlich habe ich meinen Hund direkt ins Schlafzimmer verfrachtet.

Wir verabredeten uns zu einem Spaziergang am Strand. Ich holte sie mit meinem Auto ab. Hund im Kofferraum, mein Kind auf dem Rücksitz. Als die beiden einstiegen, zeigte sich mein Hund äußerst unbegeistert und knotterte herum.

Am Ziel angekommen stiegen wir aus und spazierten los. Ich spielte eine Runde Ball mit Tina, denn sie apportierte gerne und zuverlässig. Die befreundete Mutter wollte auch mal und ich erlaubte es ihr. Ihre Eltern hatten einen Hund, deshalb schätzte sie sich als Hundekennerin ein und ich glaubte ihr das. Die beiden begannen zu spielen. Die Frau warf den Ball und Tina lief hinterher, apportierte ihn aber nicht, sondern legte ihn irgendwo ab. Die Frau ging hin, doch wenn sie den Ball aufheben wollte, dann nahm ihn Tina kurz vorher auf, um ihn, etwas weiter weg, wieder fallen zu lassen. Das machte sie einige Male und ich wunderte mich darüber, dass die Frau sich darauf einließ und immer wieder versuchte den Ball aufzuheben. Als sie dann endlich entschied das Ballspiel mit dem Hund abzubrechen, da lief dieser noch mal einen großen Bogen, direkt auf ihr Kind zu. Tina rempelte die Kleine, so dass sie umfiel. Als Tina sich zielstrebig auf das Kind zubewegte, durchlebten wir einen Moment des absoluten Stillstands. Es hatte sich eine Dynamik entwickelt, die ich weder verstand, noch unter Kontrolle hatte. Am Ende war man froh, dass das Kind nur umgeschmissen wurde. Ein solches Ohnmachtsgefühl wollte ich niemals wieder erleben.

Endlich ein Team

Während eines Vortrags von Erik Zimen lernte ich endlich einen kompetenten Hundetrainer kennen. Ich meldete mich umgehend an, mietete mich dort ein und machte einen 10-tägigen Intensivkurs.

Ich erfuhr, einen ganz normalen Hund zu haben. Keinen „Spielhund“, eher ein Paradebeispiel für einen „richtigen“ Hund. Nicht Rassezugehörigkeit war das Problem, sondern mein mangelndes Wissen und die Unerfahrenheit mit „dynamischen“ Hunden. In erstaunlich kurzer Zeit schafften wir den Wandel und Tina wurde ein wunderbarer Familienhund. Langweilig ist es mit ihr natürlich nie geworden, aber es hat mehr Spaß gemacht.

Was mich allerdings wunderte war, dass formales Hundetraining eine vergleichsweise unbedeutende Rolle für den Erfolg gespielt hat.  Die positiven Veränderungen entwickelten sich offensichtlich aus dem neu geordneten Miteinander. Vielleicht ist das so, weil Pitbulls mehr amerikanisch geprägte Wesensmerkmale haben, fragte ich mich. Im Gegensatz zum Deutschen Schäferhund. Fans dieser Rasse erwarten auch heute noch häufig absoluten Kadavergehorsam von ihrem Hund. Gedankengänge, die ich allerdings nicht mehr verfolge. Hunde sind soziale Tiere. Davon lassen sich weitaus plausiblere Erklärungen ableiten.

Ruhe in den Hund bringen, seine Aufmerksamkeit haben, nie schlecht gelaunt mit ihm trainieren – das ist im Kern, worum es geht. Allerdings steckt hinter den paar Worten weitaus mehr Stoff, als man auf Anhieb vermuten mag.

Herauszufinden, was genau den Unterschied macht, zwischen Team und kein Team, und worauf ein Trainingsplan aufbaut, mit diesem Vorhaben startete ich in die nächste Etappe als Hundehalterin.

 

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