Sind Herdenschutzhunde erziehungsresistent?

Sehr oft, wenn es mit dem Hund aus dem Auslandstierschutz nicht klappt wird ein Herdenschutzhund in der genetischen Grundausstattung vermutet.

Damit hat man dann auch schon mal klar gestellt, dass allein der Hund das Problem ist, nicht etwa der beteiligte Mensch. Im Zweifel noch die Tierschützer, die unverantwortlicherweise einen solchen Hund importiert haben. Und da Herdenschutzhunde ja bekanntermaßen nicht erziehbar sind, fühlt man sich frei von der Verpflichtung an den Problemen zu arbeiten. Die Tierschutzorganissation soll den Hund zurück nehmen!

So, oder so ähnlich läuft das oftmals ab und häufig stößt diese Argumentation auch noch auf allgemeine Akzeptanz, da sich die Mythen um die Unerziehbarkeit von Herdenschutzhunden standhaft halten.

Bissige Hunde

Herdenschutzhunde sind eine uralte und zuverlässig arbeitende Hunderasse. Wären sie von Haus aus unberechenbar und bissig würden sie eine öffentliche Gefahr darstellen und man könnte nicht mit ihnen arbeiten.

Hunde aller Rassen können unberechenbar und bissig werden, was in der Regel auf einen unsachgemäßen Umgang des Menschen mit ihnen zurückzuführen ist. Irgendwann wußten die betreffenden Hunde sich nur noch durch zubeißen zu helfen. Hat das die gewünschte Wirkung gebracht, dann haben sie gelernt, dass ihnen beißen hilft und wenden es wieder an. Ein klarer Fall von operanter Konditionierung.

Territoriales Verhalten und das Beschützen von Sozialpartnern sind prinzipiell natürliche Eigenschaften von Hunden und im speziellen bei Wach- bzw. Schutzhunden und deren Rassen.

Bissigkeit und Unberechenbarkeit oder absolute Widerspenstigkeit sind keine Rassemerkmale und auch bei Wach-und Schutzhunden unerwünscht. Es sind durch Menschen und manchmal auch andere Ursachen, beispielsweise medizinischer Natur, ausgelöste Verhaltensdeformationen.

Herdenschützer sind somit erst mal ganz normale Hunde, mit einer speziellen Aufgabe.

Im Dienste des Menschen

Menschen nutzen seit langem natürliche Verhaltensweisen von Hunden für ihre Zwecke: Die Kooperationsfähigkeit, die Kommunikationsfähigkeit, die jagdlichen Eigenschaften und das Beschützen von Ressourcen und Sozialpartnern, die Territorialität.

Jeder Hund einer bestimmten Rasse ist ein Spezialist auf seinem Gebiet. Um Einfluss auf die Leistungsfähigkeit und Effektivität des Hundes in seinem jeweiligen Aufgabengebiet zu nehmen, sind die kontrollierte Vermehrung, sprich Zucht sowie die Aufzucht und in vielen Fällen eine zusätzliche Ausbildung die Mittel der Wahl.

 Erziehung und Ausbildung von Hunden

Herdenschutzhunde müssen wie alle anderen Hunde erzogen werden, aber sie benötigen keine Ausbildung. Ein Herdenschutzhund beschützt diejenigen, die er als seine Sozialpartner betrachtet.

Soziale Tiere leben in Gemeinschaften, weil ihnen das existentielle Vorteile schafft, beispielsweise beschützen sie sich gegenseitig.

Seine Sozialpartner zu beschützen ist also eine natürliche Verhaltensweise für diese Tiere. Ist ein auslösender Reiz gegeben, dann kommt diese zum Einsatz. Das bedarf keiner Ausbildung.

Aber wie entscheidet der Herdenschützer, was eine Gefahr darstellt und was nicht?

Um diese Frage zu beantworten muss man ein wenig ausholen und auf die die wilden Verwandten unserer Hunde schauen.

Wölfe sind soziale Lebewesen. Das haben sie den Hunden vererbt. Sie leben in Familienverbänden, was u. a. einen größeren Schutz vor Feinden bietet. Und auch Hunde sind nicht gerne alleine.

Das Leben von Wölfen richtet sich an biologischen Notwendigkeiten aus. Das heißt satt werden, fortpflanzen, überleben.

Menschen, die ja auch soziale Lebewesen sind, organisieren sich im Gegensatz dazu über kulturell geprägte Regelwerke. Dazu gehört im besten Falle auch die Toleranz gegenüber Fremden. Diesen Anspruch pflegen animalische Gemeinschaften nicht, zumindest nicht die der Wölfe.

Es gilt quasi das Freund-Feind-Schema: Wir und die anderen. Wobei die anderen / Fremden / nicht Mitglieder der eigenen Gemeinschaft als eine potentielle Gefahr für das eigene Wohl angesehen werden.

Als Wolf ist es ein großes Risiko sich auf fremdes Territorium zu wagen. Wird er dabei erwischt kostet ihn das nicht selten das Leben. Dieses Erbe tragen die Hunde in sich.

Es ist also das ihm Fremde und Unbekannte, das den Schutzinstinkt beim Herdenschutzhund aktiviert. Auch Distanz spielt eine Rolle bei der Einschätzung der Gefahrenlage.

Kleinste Veränderungen in der Umwelt werden registriert und je näher die potentielle Gefahr, desto realer ist sie. Logisch, denn ein Wolf muss ran kommen, um angreifen zu können.

Deshalb braucht ein Herdenschützer keinen großen Garten zum Bewachen, sondern er braucht Raum, um sich wohl fühlen zu können, da seine Wachfunktion eben auch über Distanzempfinden gesteuert wird.

Er beobachtet gerne und lässt seinen Blick schweifen.

Damit er beschützt, was beschützenswert ist! Verhaltensformung beim Herdenschutzhund

Die Sozialisationsphase ist entscheidend für das zukünftige Verhalten. In diesem Entwicklungsabschnitt steuert man die Erfahrungen des heranwachsenden Herdenschutzhundes nach Bedarf und lenkt damit sein Verhalten in wünschenswerte Bahnen.

Soll ein Herdenschutz in unseren Breiten leben, dann muss die Sozialisationsphase aktiv genutzt werden, um ihn mit all dem vertraut zu machen, was dazu gehört. Adäquat den Schäfern, wenn sie die Hunde schon als kleine Welpen zu den Schafen setzen. So lernen sie, die Schafe und die Hunde, sich als Mitglieder einer Gemeinschaft zu empfinden.

Wird die Sozialisationsphase nicht sinnvoll genutzt, dann kann sich das langfristig sehr rächen und man bekommt die rassetypischen Probleme: Wer oder was ihm fremd ist, sorgt für Verunsicherung beim Herdenschutzhund und könnte Verteidigungsbereitschaft auslösen.

Während ein nicht ausgebildeter Jagdhund bei der Jagd keine Hilfe ist, wird ein Herdenschutzhund im gegebenen Falle spontan die Aufgabe übernehmen, seine Familienmitglieder oder das Haus zu beschützen. Er muss frühzeitig lernen sich dem Menschen unterzuordnen und die Entscheidung des Menschen zu respektieren, seinen Job nicht zu tun, wenn dies die Situation erfordert.

Sind Herdenschutzhunde gefährlicher als andere Hunderassen?

Nein, Herdenschutzhunde sind nicht gefährlicher als andere. Wissen um die Bedürfnisse dieser Hunde und eine sorgfältige Aufzucht lassen sie zu freundlichen Familienhunden und Begleitern werden.

Daneben ist eine vertrauensbasierte Beziehung wichtig, da man weniger über „Befehle“ kommuniziert, sondern als ein Team agiert, in dem der Hund Sicherheit findet. Leider basiert der Umgang mit Hunden immer noch häufig auf lange überholten Dominanzvorstellungen, was dem Beziehungsaufbau und dem Vertrauensverhältnis gerade mit einem Herdenschutzhund absolut zuwiderläuft.

Doch auch wenn die Beziehung von großer Bedeutung ist, natürlich kann auch ein Herdenschutzhund die wichtigsten Grundsignale lernen, sollte er sogar!

Herdenschutzhund als Familienhund

Prinzipiell können Herdenschutzhunde wunderbare Familienhunde sein, wenn sie gut sozialisiert und erzogen wurden. Was ja eigentlich für alle Hunde gilt.

Beengte Verhältnisse sind nicht ihr Ding. Allein die Größe, aber auch die Neigung den Blick schweifen lassen zu wollen, legen nahe, dass Herdenschutzhunde ordentlich Platz brauchen, um sich wohlfühlen zu können.

Daneben bevorzugen sie freundliche Umgangsformen und kommunizieren sehr fein.  Kein Wunder also, wenn das mit der „Der will nur spielen“ Fraktion meist nicht so gut läuft.

Herdenschutzhund aus dem Ausland

Anhand der oben beschriebenen „Funktionsweise“ und der Bedeutung der Sozialisationsphase wird ja eigentlich schon deutlich, dass der Import eines erwachsenen Herdenschutzhundes mit unbekannter Vorgeschichte große Risiken birgt und eigentlich nur für wenige Menschen in Frage kommen kann.

Bei Hunden aus den Herkunftsländern sind die Wacheigenschaften oftmals sicher stärker ausgeprägt als bei Hunden, die hier in Deutschland für ein Leben in der Familie gezüchtet wurden. Rüden bewachen dort oft eher die Schafe in der Einsamkeit, während Hündinnen auf dem Hof bzw. in der Familie bleiben, um dort Schutz zu bieten.

Aber, in der Straßenhundpopulation und in den Sheltern findet man natürlich überwiegend Mischlinge. Und so ist es immer der Einzelfall der betrachtet und bewertet werden muss. Rassekriterien sind dabei von untergeordneter Bedeutung, denn Verhalten ist immer ein Ergebnis von Genetik und Erfahrung.

Wichtig ist sich einen seriösen Verein auszusuchen, bei dem man eine gute Beratung bekommt. Wer auf Nummer Sicher gehen will, der übernimmt einen Hund, der bereits in Deutschland in einem Tierheim oder einer Pflegestelle ist. So kann er ihn vor der Übernahme kennenlernen.

Grundkenntnisse über Hundeverhalten und die Fähigkeit Hunde lesen zu können sind sehr hilfreich und sollten bei Menschen, die einen Hund mit unbekannter Vorgeschichte, egal welcher Rasse, immer gegeben sein.

 

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