Junger Hund aus dem Auslandstierschutz – Worauf sie vorbereitet sein sollten

Zuletzt hatte ich sehr junge Hunde auf Pflegestelle. Weihnachten stand vor der Tür und ich hatte Anfragen ohne Ende. Es waren vor allem Familien mit Kindern, die einen Hund suchten. Den meisten musste ich absagen, es kam nicht mal zu einem Kennenlerntermin.

Das hatte ich so entschieden, weil sich im Gespräch herausstellte, dass die Menschen erwarteten einen unkomplizierten Anfängerhund zu bekommen. Jung sein wurde mit unkompliziert gleichgesetzt, vergleichbar einem Welpen vom Züchter. Das ist aber leider ein Trugschluss.

Ausgeglichenheit, Zutraulichkeit und gute Erziehbarkeit eines Welpen sind das Ergebnis einer sorgfältigen Aufzucht. Das kann bei einem jungen Hund aus dem Auslandstierschutz nicht vorausgesetzt werden!

Hinter Verhalten, das uns so selbstverständlich und normal erscheint, steckt in Wirklichkeit eine Menge Arbeit, die zum großen Teil in den Aufgabenbereich eines Züchters fällt. Er wählt die Elterntiere sorgfältig aus und bringt die Welpen sehr früh mit Menschen in Kontakt. Das fördert die Zutraulichkeit, weil der Welpe so lernt, Menschen als Sozialpartner zu betrachten und ihnen ganz grundsätzlich erst einmal mit Vertrauen begegnet.

So wachsen Welpen auf, die auf ein Leben als Familienhund vorbereitet werden:

Die Hunde sollten im Haushalt des Züchters leben, Auto fahren, unterschiedlichste Menschentypen, alt, jung, behindert und alles was ihr späteres Leben ausmachen wird kennenlernen, damit es ihnen vertraut ist.

Welpen, die unter optimalen Bedingungen aufwachsen leben in einer familiären Gemeinschaft mit Mutter und Geschwistern, lernen Regeln zu beachten und sich zu benehmen, können unbesorgt spielen und die Umwelt erkunden.

Auch der Zeitpunkt der Übergabe wird nicht willkürlich ausgewählt, er liegt meistens zwischen der achten und zwölften Woche und soll ein ideales Einleben sowie eine gute Weiterentwicklung begünstigen.

Natürlich wächst auch hier in Deutschland nicht jeder Hund unter idealen Bedingungen auf oder wird optimal gefördert, aber Welpen aus dem Auslandstierschutz sind davon in der Regel meilenweit entfernt.

Die Lebenswirklichkeit von unerwünschten Welpen im Ausland sieht eher so aus:

Oftmals müssen sie sich bereits früh selbst durchschlagen. Viele verbringen ihre Kindheit und wichtige Entwicklungsphasen im Shelter, ohne nennenswerte Umwelteinflüsse und Menschenkontakte.

Ihr Leben ist ein Kampf, sie müssen früh lernen Gefahren zu erkennen und sich behaupten. Auch in einem Welpenkennel im Tierheim geht es nicht familiär zu, hier muss sich einer durchsetzen können.

Während Welpen normalerweise zwischen der achten und zwölften Woche in ihre neue Familien ziehen, sind Hunde aus dem Ausland bereits mindestens vier Monate (nicht unter 15 Wochen) alt. Das hat seine Gründe in den Einfuhrbestimmungen.

Damit befinden sie sich in einem anderen Entwicklungsabschnitt als ein Welpe im normalen Übergabealter. Die Sozialisationsphase liegt bereits hinter ihnen. Die Pubertät steht bevor oder sie sind mittendrin. Damit steht auch der adoptierende Mensch vor ganz anderen Herausforderungen.

Sozialisationsphase und Pubertät. Die Unterschiede

Ein Welpe in der Sozialisationsphase ist lernfähig wie nie mehr wieder in seinem Leben, er saugt Informationen auf, wie ein Schwamm, und ist nicht sehr ängstlich.

Ein Hund in der Pubertät hingegen ist eigenständiger und Fremden gegenüber misstrauischer als ein Welpe. Angeborene Verhaltensweisen, wie Jagen oder Territorialistät werden zusehends erkennbar.

Die Verhaltensentwicklung eines Hundes ist in unterschiedliche Phasen unterteilt, die aufeinander aufbauen. Das setzt eine gewisse Kontinuität voraus. Für einen Junghund aus dem Auslandstierschutz gibt es diese Kontinuität nicht. Wenn er ausreist, dann wird er aus seiner vertrauten Umgebung herausgerissen, während seine Verhaltensentwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Er wird fortan mit Anforderungen konfrontiert, im sozialen Umgang und die Umwelt betreffend, auf die er nicht vorbereitet ist.

Fazit

Bei der Übernahme eines jungen Hundes aus dem Ausland sollte mit problematischen Verhaltensweisen gerechnet werden. Allein das Herausgeholt werden aus seiner vertrauten Umgebung wird den jungen Hund stark verunsichern. Möglicherweise will er erst mal keinen Kontakt. Oder er findet kaum Ruhe. Das Spektrum der möglichen Verhaltensweisen ist breit.

Manche nehmen es leichter als andere, aber man sollte darauf vorbereitet sein, dass sie ein Päckchen zu tragen haben, vielleicht auch ein paar Verhaltensanomalien entwickelt haben.

Häufig ist schon eine Tendenz zum selbstbestimmten Handeln angelegt, Kooperation und Unterordnung unter einen Menschen ist etwas Unbekanntes.

Man sollte das Alter und das wahrscheinlich anzunehmende Entwicklungsstadium nicht aus dem Blick verlieren, denn manche Unausgewogenheit kann auch hierin begründet sein: Stichwort Pubertät.

Vieles was für unter normal aufgewachsenen Welpen selbstverständlich ist, wie das Leben in einer Wohnung oder die ständige Gegenwart von verschiedenen Menschen, sowie deren Zuwendung, ist für Auslandshunde fremd und oft auch beängstigend.

Manchmal beginnen die jungen Neuankömmlinge sich eng an eine Person zu binden und wollen nichts mit deren Partnern oder den Kindern zu tun haben. Manche hingegen suchen zuerst den Kontakt zu Kindern, andere eher zu bereits vorhandenen Hunden. Männer haben es oftmals besonders schwer das Vertrauen zu erlangen. Manche lieben schnell alle Familienangehörigen und sind feindselig fremden Menschen gegenüber.

Es gibt also viele mögliche Baustellen!

Die gute Nachricht ist, die junge Hunde sind super lernfähig und anpassungsfähig!!!

Sie können vieles noch aufholen. Hierfür brauchen sie Zeit, jeder hat ein eigenes Lerntempo, aber man muss ein wenig Geduld mit ihnen haben. Sie brauchen aber auch feinfühlige Anleitung, die Lerntheorie sollte man immer fest im Blick haben. Darauf setzen, dass die Erziehung ein Selbstläufer wird und sie sich mit der Zeit von alleine eingewöhnen, sollte man lieber nicht. Anfänger könnten sich leicht überfordert fühlen.

Die Herausforderung besteht darin, den Neuankömmling aus dem Auslandstierschutz mit all dem Neuen vertraut zu machen, ohne dass es zu Fehlverknüpfungen kommt. Alle Erfahrungen müssen positiv abgespeichert werden, ansonsten wird die Unsicherheit verstärkt. Klingt so easy, ist es aber nicht!

Insofern haben meine Interessenten schon mal vieles richtig gemacht. Sie haben sich für einen in Deutschland befindlichen Hund interessiert und planten keine Direktadoption. Deshalb verliefen unsere Gespräche durchweg positiv und alle waren froh, dass ich ihnen die Wahrheit sagte und nicht auf Teufel komm raus vermitteln wollte.