Was macht Hunde zu sozialen Tieren?

Hunde aus dem Ausland genießen den Ruf besonders sozial zu sein. Viele Menschen entscheiden sich deshalb für einen solchen Hund und sind dann riesig enttäuscht, wenn er sich anders verhält, als erwartet.

Die Wurzel des Problems

Nach meiner Beobachtung liegt das Problem oft an der Fehlinterpretation von „sozial“. Das führt zu einer unrealistischen Erwartungshaltung.

In unserer Alltagssprache verwenden wir dieses Wort in der Regel, um eine besonders freundliche und mildtätige Person zu beschreiben. Jemand, der für andere da ist und Gutes tut. Diese Interpretation wird auf den Hund übertragen.

Das kann leicht zu Enttäuschungen führen, denn über soziale Kompetenz zu verfügen bedeutet nicht, in jeder Situation lieb und mit jedem nur gut Freund zu sein.

Was sind soziale Tiere?

Soziale Tiere leben in Gemeinschaften. Der Solitär ist der Gegenentwurf hierzu. Es geht also um Biologie.

Damit Gemeinschaftsleben funktionieren kann, müssen die Mitglieder über Eigenschaften verfügen, die das möglich machen. Zu diesen Eigenschaften, gehören die Kommunikationsfähigkeit, die Kooperationsfähigkeit und die Fähigkeit Konflikte so auszutragen, dass die Gemeinschaft nicht darunter leidet.

In jeder Gemeinschaft gibt es unterschiedliche Charaktere, schüchterne und offene, wehrhafte und ängstliche, konfliktscheue und solche mit ausgeprägter Konfliktbereitschaft, starke und schwache, Führungspersönlichkeiten und angepasste Typen, doch alle verhalten sich im Rahmen eines Regelwerks, das am Ende der Gemeinschaft dient.

Über individuelle Charaktereigenschaften sagt soziale Kompetenz nichts aus. Es ist eine genetisch veranlagte Fähigkeit, die durch aktives Sozialleben erweckt wird.

Freund und Feind

Weil es zur Natur von Hunden gehört, Teil einer Gemeinschaft sein zu wollen, kann man sie per se als sozial bezeichnen.

Betrachtet man Gemeinschaften mal archaisch, dann sind sie nach innen freundlich und der Gemeinschaft verpflichtet und nach außen, gegenüber Mitgliedern fremder Gemeinschaften, misstrauisch bis feindselig.

Diese Verhaltensweise passt allerdings nicht zu allen Verwendungszwecken, für die man Hunde züchtet.

Sozialverträglichkeit als Zuchtziel

Jagdhunde beispielsweise. Sie jagen häufig in der Meute und in wechselnden Jagdgesellschaften. Hierfür ist ein hohes Maß an Sozialverträglichkeit ein Vorteil, nicht nur gegenüber vertrauten, sondern auch gegenüber fremden Personen und Hunden. Entsprechend wählte man die Zuchttiere aus.

Logischerweise ist das bei Wach- und Schutzhunden anders, sie benötigen  ein erkennbares Misstrauen gegenüber Fremden und Unbekanntem, um ihre Arbeit tun zu können. Vertrauliches genießen sie lieber mit Angehörigen der eigenen Lebensgemeinschaft oder engen Freunden. Eine sorgfältige Sozialisation und ein guter Grundgehorsam verhindert, dass dies zum ernsten Problem wird.

Der Herdenschutzhund ist ein sehr gutes Beispiel für einen ursprünglichen Hund, was das Verständnis von Gemeinschaft betrifft. Er verfügt über eine hohe soziale Kompetenz und lebt in artübergreifender Gemeinschaft, gemeinsam mit anderen Hunden, Menschen und Schafen.  Fremden jedoch  begegnet er mit großem Misstrauen, er sieht eine potentielle Gefahr in ihnen, vor der er seine Sozialpartner (und sich selbst) bedingungslos schützt. Eine sorgfältige Sozialisation auf alles, was zu seinem Leben gehören wird und ein frühzeitig angelegter Gehorsam ermöglichem dem Herdenschutzhund ein entspanntes Leben, auch als Familienhund.

Bei Hunden, die für Hundekämpfe missbraucht wurden, hat man auf eine besondere Hingabe zum Menschen und Intoleranz gegenüber Artgenossen selektiert. Vertreter dieser Rassen können sich deshalb intolerant gegenüber Artgenossen entwickeln, insbesondere dann, wenn versäumt wurde in der Sozialisationsphase gegenzusteuern.

In Gegenwart anderer Hunde entspannt sein

Häufig wünscht sich jemand, der einen sozialen Hund sucht, vor allem einen sozial verträglichen und umgänglichen Hund, der möglichst wenig Raubtierhaftes ausstrahlt.

Da gibt es, wie bereits beschrieben, unter den verschiedenen Rassen tatsächlich Unterschiede, die mit dem Zweck im Zusammenhang steht, für den sie gezüchtet wurden.

Ganz wichtig zu verstehen: Es geht dabei um die Toleranz gegenüber Hunden! Interaktion ist nicht erforderlich!!! Es geht nicht darum, dass der Hund alle Hunde dieser Welt als Mitglieder eines riesigen Rudels betrachten soll und somit jeder als Spielkamerad geeignet ist.

Man stelle sich vor, die rieisige Meute, die da zu Jagdbeginn oftmals zusammenkommt, legt los, wie Hunde auf der Hundewiese es gerne tun. Auweia, das wäre kein guter Start für die Jagd!!!

Nein, es geht darum, die Gegenwart anderer Hunde entspannt ertragen zu können.

Ein Hund soll angesichts eines Artgenossen (oder fremden Menschen) nicht das innere Gleichgewicht verlieren, ihn nicht bedrohen, sondern tun, was er tun soll. Einer Spur folgen beispielsweise oder schlicht passiv abwarten.

Damit kommen wir zu einer weiteren und auch weit verbreiteten Fehlannahme in Bezug auf das Sozialverhalten auf unsere Hunde:

„Ein gut sozialisierter Hund verträgt sich mit jedem Hund“

Kein Hund versteht sich mit jedem anderen Hund oder möchte mit jedem gut Freund sein oder gar spielen!!!

Hunde pflegen Beziehungen

Ebenso, wie wir Menschen untereinander, unterhalten Hunde unterschiedliche Beziehungen zu anderen Hunden. Mit manchen wird man vertraulich, mit anderen bleibt man eher auf Distanz. Nicht jeder ist zum Spielen geeignet und manche ignoriert man am liebsten ganz. Ein sozial kompetenter Hund beansprucht genau diese Entscheidungsfreiheit für sich.

Ein soziales Lebewesen zu sein, bedeutet sich einer klar definierten Gruppe zugehörig zu fühlen. Man verspürt ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Gruppenmitgliedern und ist ihnen gegenüber loyal. Die eigene Gruppe wird in Abgrenzung zu anderen Gruppen sowie einzelnen Individuen betrachtet. Ein Empfinen das wir mit „Wir“ und „die anderen“ beschreiben können. Fremde müssen erst einmal den Beweis antreten, dass sie vertrauenswürdig sind.

Würden mehr Menschen Verständnis hierfür entwickeln und ihre Hunde nicht ungewollt in die direkte Interaktion mit anderen Hunden zwingen, dann wären viele Hunde, und natürlich auch Menschen, viel entspannter, nicht nur bei Hundebegegnungen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.